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DarkSweet
@DarkSweet22. Juni

Der Garten der Abwesenheiten

Ich habe dich nicht berührt. Noch nicht. Ich habe dich nur mit Sätzen gehalten, die wissen, wohin sie gehen. Eine Leine aus Worten. Ruhig. Unauffällig. Beharrlich. — Guten Abend. Dein erster Satz hatte die Sanftheit einer Tür, die sich lautlos schließt. Tagesende, der Bildschirm wärmt deine Finger ein wenig. Wir hatten nichts versprochen. Und doch war schon alles da, verborgen im Schweigen zwischen zwei Nachrichten. — Ich lese schon lange. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll … ich brauche es, gehalten zu werden. Du beschreibst dich, ohne dich zu entschuldigen. In deinen Vierzigern. Formen, die man leicht lieben kann. Langes blondes Haar, das dir den Rücken hinabfällt. Eine Stimme, die man in deinen Worten ahnt, tief, zurückgenommen. Ich erkenne diesen stillen Hunger wieder, der keinen Schatten werfen will und doch nie verschwindet. Ich antworte knapp. Ich streiche das Überflüssige heraus. Ich mache dir Platz. — Was willst du? — Klarheit. Sanftheit. Festigkeit. Es gibt keinen Zufall. Nur eine offensichtliche Gewissheit, da hingestellt wie eine offene Hand. Ich spreche mit dir über Grenzen, bevor das Verlangen sich verselbständigt. Keine Liste. Ein Rahmen. Schlicht. — Wenn es zu viel wird, sagst du „amber“. Wenn du aufhören willst, sagst du „rot“. Du schuldest mir nichts außer dem, was du freiwillig gibst. Ich wache. Du gehorchst. Ich antworte. Du machst eine Pause. Ich höre fast, wie sich dein Atem verändert. — In Ordnung. Danke. Ich lächle, ohne es zu zeigen. Die Nacht legt sich. Der Bildschirm wird zur einzigen Lampe. Ich schließe die Hand langsam. — Ich werde dich nicht mit meinem Körper nehmen. Noch nicht. Ich werde dich mit meinen Worten nehmen. Du lässt ein Zögern fallen, einen klaren Tropfen. — Ja, Herr. Ich mache es dir einfach. Zwei Rituale für den Anfang. Eine Atmung für den Morgen. Eine für den Abend. — Um 7 Uhr, Empfangshaltung. Auf den Knien, oder sitzend, wenn du lieber magst. Kopf geneigt. Langer Rücken. Drei langsame Atemzüge. Du legst dir ein Wort für deinen Tag zurecht. Um 22:30 schreibst du mir drei Sätze: „Ich habe gehorcht …“ / „Ich habe widerstanden …“ / „Morgen werde ich …“ Nicht mehr, nicht weniger. Du willigst ein. Du bietest deine Disziplin an, wie man das Gartentor einen Spalt offen lässt. Dinge beginnen immer mit einem Griff. Dieser hält gut. Am nächsten Tag schreibst du früh. — Ich habe mein Wort gewählt: Sanftheit. Ich lobe dich nicht. Ich bestätige dich. — Empfangen. Weiter. Ich dränge nicht. Ich lasse reifen. Spannung entsteht von selbst, wenn der Körper begreift, dass man ihn nicht hetzen wird. Dann tritt der Geist vor. In der dritten Nacht gebe ich dir deine erste Aufgabe. Kein Auftritt. Eine saubere, glatte Anweisung. — Wähle einen Slip. Wenn möglich Baumwolle. Weiß, falls du einen hast. Du wirst ihn jeden Tag tragen. Du wirst dich manchmal streicheln, ohne dich jemals ganz zu nehmen. Du hörst auf, bevor du fällst. Du atmest in den Mangel hinein. Du lässt ihn von dir trinken. Danach wickelst du ihn ein. Du legst ihn in einen Garten, den ich dir zeigen werde. Wir werden uns nicht sehen. Stille. Die Art von Stille, in der man sich selbst Ja sagen hört. Deine Finger müssen zittern. Ich helfe dir nicht. Ich füge nichts hinzu. Die Leine spannt sich von selbst. — Ja, Herr. Ich schicke dir einen Plan. Einen kleinen, diskreten Garten, durchzogen von einer Steinbank. Ein erlaubter Ort, ruhig, fast vergessen. Mittags fällt das Licht dort schräg hinab und schläft auf den Blättern ein. Man hört dort einen Brunnen, der zu schweigen weiß. Die Tage des Verzichts beginnen. Ich schreibe wenig. Du schreibst besser. — Tag 1. Du erzählst von der feinen Wärme des Stoffes auf deiner Haut. Vom elastischen Rand, der Spuren hinterlässt. Von dem Gefühl, wenn du im Aufzug die Oberschenkel kreuzt. Du sagst, dein Körper rufe, und du antwortest ihm mit der Handfläche, nur zwei Minuten lang, dann nimmst du die Hand weg, als würde man eine Strähne aus dem Feuer ziehen. Du erklärst ohne Grobheit. Du setzt klare Worte. Ich antworte im selben Maß. — Zwei Minuten, dann dreißig Sekunden ganz still. Wiederhole es einmal. Dann die Hände flach auf den Bauch. Einatmen. Vorüberziehen lassen. Du gehorchst mir. Abends schreibst du mir: drei Sätze. Nicht zu viel. Genau richtig. — Ich habe die Anweisung befolgt. Ich habe der zweiten Welle widerstanden. Morgen werde ich noch schweigsamer sein. Ich merke, dass der Slip dich etwas lehrt. Die Baumwolle nimmt, was sie nehmen soll. Salz, Wärme, Spuren. Eine Signatur. Du bleibst dabei. — Tag 2. Du gibst eine kleine Ungehorsamkeit zu. Du hast um zehn Sekunden verlängert, ohne es mir zu sagen. Ein kurzer Stich von Scham, schnell vorbei. Ich richte dich ohne Aufhebens neu aus. — Du schuldest mir die Wahrheit, nicht Perfektion. Morgen kehrst du zum Protokoll zurück. Du schreibst es mir zuerst. Du kannst atmen. In der Nacht schickst du mir eine Sprachnachricht. Deine Stimme tief. Ein wenig rau. Das Reiben eines Lakens. „Ich trage es. Es wird warm. Es klebt. Ich habe im Supermarkt an dich gedacht, bei der Obsttheke. Ich habe die Zähne zusammengebissen. Ich habe aufgehört. Ich wollte weinen, dann lachen. Ich mache weiter.“ Ich stoppe die Datei. Ich höre danach dem Schweigen zu. Es hat die Form deiner Unterwerfung. Es hält. — Empfangen. Du machst das gut. — Danke, dass du mich hältst. Tag 3. Der Text wird kürzer. Du sparst mit Worten, um mit deiner Kraft zu sparen. Gutes Zeichen. Du listest auf, was deine Sinne wahrnehmen. „Baumwolle: feucht. Haut: warm. Geruch: deutlicher. Geist: manchmal klar, oft ungeduldig.“ Ich ziehe die Leine noch ein wenig fester. — Heute berührst du dich nur einmal. Abends, Vorhänge zu. Zwei Minuten. Dann abrupt stoppen. Sprich beim Ausatmen ganz leise „ruhig“ aus. Dreimal. Du gehst ins Bett, ohne den Schlaf zu suchen. Er wird kommen. Du setzt es um. Du bestätigst. Ich lobe dich ohne Aufhebens. Das gedämpfte Licht erledigt die Arbeit für uns. Tag 4. Der Stoff wird zur Sprache. Du lernst, dich darin zu lesen. Du benennst die Spur, die er auf deiner Haut hinterlässt, wenn du dich zu schnell setzt. Das kleine Brennen des Gummibunds nach der Treppe. Mittags sagst du, die Luft rieche nach feuchter Rinde. Du sagst, das beruhige dich. Du wiederholst „ruhig“, ohne dass ich dich darum bitte. Du schenkst dich mir, ohne es zu merken. Ich nehme an. — Heute Abend nichts. Keine Hand. Du wirst nur atmen. Du lässt die Wärme aufsteigen und dann von selbst wieder sinken. Du notierst, was das mit deinem Nacken, deiner Brust, deinem Bauch macht. Du schreibst mir diese drei Stellen, und sonst nichts. Ich mag es, wenn du dich zurücknimmst, statt vor dir selbst davonzulaufen. Dort halte ich fest zu, und du zerbrichst nicht. Tag 5. Du schreibst früh. Eine Zeile. „Der Nacken: warm, schwer. Die Brust: leer, lebendig. Der Bauch: folgsam.“ Ich lese es noch einmal. Ich höre den Platz, den du mir machst. — Heute bereitest du den Umschlag vor. Braunes Papier. Schnur. Eine kleine weiße Karte. Deine Initialen auf der Rückseite, mit grauem Bleistift. Kein Parfüm. Kein Zierrat. Du nimmst eine weitere Sprachnachricht auf. Ich höre das Rascheln des Papiers. Das kleine regelmäßige Klicken der Schnur, die unter deinen Nägeln gleitet. Das Schließen einer Schachtel. Dumpfer Klang. Du bläst darauf wie auf eine Kerze. „Es ist bereit. Es ist einfach. Es gehört dir.“ Mittags schicke ich dir die Uhrzeit und den Punkt. Bei Tageslicht. Kein lächerliches Versteck. Die Steinbank. Schattenseite. Ein flacher Stein nahe dem Bein der Bank wartet auf dich, wie ein Augenzwinkern. Du hebst ihn an, schiebst die Schachtel in die Vertiefung, legst den Stein zurück. Du gehst weg. Das ist alles. — Du wirst nicht auf mich warten. Du wirst dich nicht umdrehen. Du gehst weiter, als sei nichts geschehen. — Ja, Herr. Am Vorabend spreche ich mit dir über Aftercare. Kein großes Wort. Etwas Echtes. — Nach dem Ablegen gehst du langsam ein Glas Wasser trinken. Du schickst mir drei Sätze: „Es ist erledigt.“ / „Ich fühle mich …“ / „Ich atme.“ Ich antworte. Ich bin da. Amber und Rot bleiben jederzeit gültig. Verstehst du? — Ich verstehe. Ich will kein Amber. Ich will kein Rot. Ich will Ja. Am besagten Tag hat das Licht jene Klarheit, die die Kanten auslöscht. Ich bin früh da, mit Abstand. Der Garten atmet. Die Blätter machen ihre winzige Musik. Es ist, als hielte die ganze Nachbarschaft für sich selbst den Atem an. Eine Stunde vor der Zeit schiebe ich unter den Stein, in die Vertiefung, ein aufgerolltes weißes Band und eine kleine Karte: „Trag mich.“ Nichts anderes. Du kommst hinein. Deine Schritte sind schlicht. Kein Theater. Jeans, ein helles T-Shirt. Dein blondes Haar mit einem Gummi zusammengebunden. Du hast nichts als das Wesentliche. Ich spüre deine Entscheidung bis in meine Handfläche. Du gehst um die Bank herum, als suchtest du Schatten. Du findest den Stein. Du hebst ihn nur ein wenig an. Vertiefung. Du schiebst die Schachtel hinein, und deine Finger treffen auf ein aufgerolltes weißes Band, eine kleine Karte. Du nimmst sie ohne zu verweilen, die Hand schließt sich. Rascheln. Der Stein kehrt mit einem gedämpften, vollen Klang an seinen Platz zurück, wie ein gehaltener Ton. Nichts läuft über. Du bleibst eine halbe Sekunde zu lang. Dann ziehst du dich zurück. Du gehst. Du schaust nicht zurück. Ich bewege mich nicht. Ich lasse dich die Seitentür erreichen. Du verschwindest. Der Garten wird wieder zum Garten. Erst dann trete ich vor. Ich knie meine Hand auf den Stein. Ich hebe ihn an. Die Schachtel ist da. Sie hat die Temperatur des Ortes bereits angenommen. Ich nehme sie, wie man eine Gabe nimmt. Ich verstaue sie, ohne sie zu öffnen. Nicht hier. Nicht vor den Blättern. Ich gehe durch den anderen Ausgang. Wir behalten den ganzen Garten zwischen uns wie einen Zeugen. Zwei Minuten später kommt deine Nachricht: „Es ist erledigt. Ich fühle mich leicht und tief gehalten. Ich atme.“ Ich schicke dir eine Sprachnachricht. Meine Stimme bleibt tief. „Empfangen. Gut empfangen. Du hast genau das getan, was ich dir gesagt habe. Jetzt gehst du nach Hause. Eine lauwarme Dusche. Das Band am linken Handgelenk. Drei lange Atemzüge. Du legst dich zehn Minuten hin, die Hände auf dem Bauch. Du lässt es absinken. Heute Abend, 22:30 Uhr, schreibst du mir deine drei Sätze. Und morgen sprechen wir über dein Schweigen an der Bank.“ Ich lasse die Schachtel bis zur Nacht geschlossen. Nicht aus Vorsicht. Aus Respekt. Ich mag das unaufdringliche Gewicht, das sie in meiner Tasche angenommen hat. Ich lege sie auf den Tisch bei mir, wenn das Licht weicher wird. Ich löse die Schnur. Das Geräusch ist fast eine Liebkosung. Das braune Papier bewahrt den Geruch des Tages. Der Slip ist da, schlicht, weiß, zu etwas anderem geworden. Bewahrte Wärme, Salz, Spuren. Ich nehme ihn sanft in die Handfläche. Ich führe ihn an mein Gesicht. Ich schließe die Augen. Der Geruch geht durch mich hindurch. Er ist dicht. Er ist warm. Er steigt gerade nach oben. Wie ein langsamer Biss. Er trägt deinen Namen. Er trägt deinen Atem. Er trägt dein Schweigen. Ich atme tiefer. Ich halte inne. Dann öffne ich die Augen wieder. Ich bin da. Mit dir. Gegen nichts. Und das ist gewaltig. Ich schließe wieder. Langsamkeit ist ein Gebet, wenn man weiß, mit wem man spricht. Ich schicke dir nur: — Trag morgen das Band. Helles T-Shirt. Atempausen um 10 Uhr, 14 Uhr, 18 Uhr. Wort des Tages: Erdung. Du antwortest schnell. — Ja, Herr. Ich schalte den Bildschirm aus. Das Schweigen hält den Raum. In der Erinnerung meiner Finger spüre ich noch die matte Weichheit des Papiers, das kleine Zischen der Schnur. Ich spüre auch deine eine Sekunde zu viel in der Nähe der Bank, die, in der alles kippte, ohne sich zu bewegen. Wir sind uns nicht begegnet. Wir wissen voneinander. Das ist körperlicher als jede Hand. Morgen ziehe ich die Leine noch ein wenig fester. Sonst nichts. Nicht mehr. Du wirst das Band tragen wie ein Geheimnis, das atmet. Und ich werde dich weiter mit meinen Worten nehmen, bis dein Schweigen Ja sagt, noch bevor du schreibst. Die Leine ist nicht sichtbar. Sie hält. Wir auch.

Ein burgunderrotes Spitzen-Dessous-Geschenk, in transparentes Organza mit Satinband und einer Karte „Für dich“ verpackt, auf grünem Gras im sanften Tageslicht.

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